Sexismus im Alltag – Man(n) ist blind dafür



Wie sieht´s aus mit der (sexuellen) Bildung für die Herren?
So wie (hoffentlich) viele Menschen, versuche auch ich jeden Tag ein klein bisschen schlauer zu werden und bin durch die Recherchen zu LaVulva.de natürlich an Geschlechtergerechtigkeit, sowie Wissensvermittlung zum Thema sehr interessiert. Dabei hat sich gezeigt, dass viele feministische Bücher eines gemeinsam haben: die Problembeschreibungen sind oft greifbar, inhaltlich gut dargestellt und zeigen Muster und Verhaltensweisen (primär der Männer) auf, die man ohne zu zögern als zutreffend und ebenso gruselig bestätigen kann.
Auf der anderen Seite fehlen oft (nicht immer) klare Lösungsvorschläge wie mit derartigen Situationen und männlichen Verhaltensweisen umzugehen ist bzw. wie Männer dazu animiert werden können sich selbst und somit den Umgang mit Frauen* zu hinterfragen. Ein schönes Beispiel ist das Buch „Wenn die letzte Frau den Raum verlässt„. Viele Seiten werden dafür verwendet, Männertypen und ihre Eigenschaften in Bezug auf Situationen mit Frauen* zu beschreiben. Die Lektüre ist nicht nur kurzweilig, sondern auch sehr aufschlussreich und bekommt eine klar Kaufempfehlung. Inhaltlich wird die Frage der Reaktion oder gar Prävention in frauenfeindlichen Runden jedoch nur gestriffen. Man wünscht sich einen zweiten Teil, der sich vor allem mit dem Umgang derartiger Probleme befasst. Nun, den wird es wohl nicht geben.

Sexismus im Alltag

Um weitere Informationsquellen anzuzapfen und mehr über den Umgang mit Alltagsmisogynie und Sexismus aus meinem direkten Umfeld zu erfahren, habe ich in den vergangenen Wochen viele Gespräche mit Menschen geführt, die sich mal direkt, mal indirekt mit dem Thema Feminismus, Geschlechtergerechtigkeit und der Idee einer „neuen Männlichkeit“ auseinandersetzen. Der Kreis der Personen war sehr divers, wodurch sowohl Sexualpädagog*innen dabei waren, ein Professor der Sexualwissenschaften, ein politischer Vertreter, Aktivist*innen, sowie Freunde und Bekannte.
Mein Ziel war, ein Stimmungsbild aus meinem näheren Umfeld zu erhalten bzw. wie die Personen sexistischem Verhalten gegenübertreten.

Das Staunen lässt nicht nach
Neben der generellen Frage des Umgangs mit solchen Situationen, besteht die gesellschaftliche Aufgabe in der Sensibilisierung von Männern für die Auswirkung ihres bisher unreflektierten Handels. Das schließt ebenso Sexismus im Alltag ein, der vielen Männern nur selten widerfährt und zu großen Teilen noch nie(!) widerfahren ist. Wohlgemerkt ganz im Gegenteil zu Frauen*, die in den Gesprächen ohne längere Überlegung von übergriffigem Verhalten, sexueller Belästigung und sogar Vergewaltigungen berichtet haben.
Besonders aus dem sexualpädagogischen Kontext, sowie dem Bekannten- und Freundeskreis, hat sich der Eindruck den ich aus den Büchern gewonnen habe, auch in den Gesprächen widergespiegelt. Alltagssituationen und damit verbundene Probleme mit Männern konnten klar benannt werden. Auf die Frage, wie genau diese Menschen dazu bewegt werden können ihr Verhalten nachhaltig zu ändern, blieb eine Antwort jedoch aus.
Besteht kein Wille auf Freiwilligkeit, gibt es Druckmittel wie bspw. die Gesetzgebungen. Teils sind diese bereits vorhanden (mitunter jedoch zu schwach ausgeprägt), zum anderen sind sie in Alltagssituationen kaum anwendbar oder es steht Aussage gegen Aussage. Sind wir ehrlich: Diese Variante taugt nur bedingt für die teils beklemmenden Situationen denen viele Frauen* immer wieder ausgesetzt sind.
Ziel sollte es sein präventiv einzuwirken und die Absicht der Handlung zu verhindern. Dieser Hebel wäre stärker als die Androhung von Strafe. Hier lohnt sich ein Rollentausch: würde es Männern ähnlich ergehen, wären schon längst Restriktionen gefunden die all die Anfeindungen unterbinden. Aber sie sind ja nicht betroffen und somit zum Teil blind für eine Welt die sie nicht erleben bzw. ihnen niemand die Augen dafür geöffnet.

Aufklärung und Gleichberechtigung in der Sackgasse?
Aus männlicher Perspektive (und Männer sind dafür bekannt dass sie [leider] so gerne Probleme lösen), kann die Situation in der wir uns befinden keine sein mit der wir uns zufrieden geben können und dürfen uns damit nicht zufrieden geben.
Die Frage ist, was Männer dazu veranlasst über ihr erlerntes und oft als selbstverständlich angesehenes Verhalten nachzudenken. Das Herangehen ist meiner Meinung nach vielschichtig, wodurch es nicht darum geht „die Lösung“ zu finden, sondern es in viele Lösungsbereiche aufzuteilen. Damit sind Schule, privates Umfeld, Freundeskreis, Weiterbildung, Partner, etc. gemeint.

Mit einer (be-)lehrenden Form wird man nur wenige (erwachsene) Menschen erreichen. Wie soll man sich das auch praktisch vorstellen? Volkshochschulkurse für Erwachsene die teils selbst Kinder haben, um ihrem Wissen über Sexualität auf die Sprünge zu helfen? Die Idee ist in der Umsetzung sicher genauso unwirklich wie sich die leicht überspitze Beschreibung liest.
Etwas eleganter sind Workshops zu verschiedenen Themen der Sexualität, die schon jetzt in vielen Städten angeboten werden. Das Problem ist die Zielgruppe. Wer geht hin? Vor allem Frauen*. Das liegt nicht nur an einer größeren Offenheit (aber auch dem Leidensdruck) der Teilnehmerinnen, sondern ehrlicherweise auch am Angebot. Es gibt viel mehr Frauenkreise, Frauenzentren, Frauenzirkel als Workshops für Männer. Das ist auch schlüssig, denn die haben ihrer Meinung nach kein Problem und somit wenig Interesse an diesen teilzunehmen. Ergo bietet niemand derartige Veranstaltungsformate an – oder nur wenige. Workshops sind somit gut und sprechen bereits eine große Anzahl von Menschen an, aber leider nicht die Zielgruppe die mit der beschriebenen Thematik erreicht werden soll.

Die Idee ist, dass das Wissen über das andere Geschlecht und die Beschreibung von Situationen und Gegenüberstellungen dazu führt, dass bei einem gewissen Anteil der Menschen ein Denkprozess in Gang gesetzt wird und zu Selbstreflexion führt. Klar, das wird nicht bei allen klappen, aber das ist auch nicht der Anspruch. Die Überlegung ist eher, etwas ins Rollen zu bringen. Und das kann klappen.

Wie wäre es mit Humor? Denkt man das Konzept eines Workshops etwas größer und nicht ganz so interaktiv, landet man bei Vorträgen. Die können für sich sehr öde sein wenn man sich nicht gerade für ein spezielles Thema interessiert, steigern aber den Unterhaltungswert wenn man es versteht die Auswirkungen von Chlamydien oder die Hürden einer Vasektomie so rüberzubringen, dass sich das Publikum dem/der Redner*in gebannt an den Lippen hängt. Alles unter der Voraussetzung, dass auf Männer, Frauen* und nicht binäre Menschen in gleichen Teilen eingegangen wird. Das klingt im ersten Moment unmöglich, ist es aber nicht, da es auch schon andere geschafft haben. Gute Beispiele gibt es mit den Populärwissenschaftler*innen in TV, Literatur und Internet zur Genüge. Ohne sexuelle Bildung steif und belehrend zu vermitteln, kann es so auf einer sehr lockeren und für alle angenehmen Art gehen.

Ich denke, es lohnt sich, diesen Gedanken weiter zu verfolgen und bin gespannt, ob es weitere gute Ideen gibt Menschen (m/d/w) davon zu überzeugen, dass ein vor allem patriarchal geprägtes Gesellschaftsbild nicht nur rückschrittlich, sondern auch schädlich ist. Schreibt mir gerne über das Kontaktformular wenn ihr euch mit eigenen Anregungen oder Vorschlägen einbringen wollt.

Johannes von LaVulva.de

* Für die einfachere Lesbarkeit wird (wie auch in vielen anderen Bereichen der Webseite) im Text von Männern und Frauen gesprochen, um die Personengruppen sprachlich und für Leser*innen außerhalb des Kontextes besser differenzieren zu können. Unter den hier genannten Frauen sind synonym ebenso FLINTA* zu verstehen.



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